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Jugendliche und ›ihre‹ Sprache

Schlobinski, Peter und Niels-Christian Heins (Hrsg., 1998).
Jugendliche und ›ihre‹ Sprache. Opladen: Westdeutscher Verlag.

Kapitel 1: Jugendliche und ,ihre’ Sprache. Ein Projekt von Schülern und Studierenden aus Osnabrück

1 Einleitung

Im Sommer 1996 hatten wir im Ratsgymnasium Osnabrück begonnen, ein kleines Forschungsprojekt zum Thema Jugendliche und ‚ihre‘ Sprache durchzuführen. Unsere Hauptziele waren zum einen, aus der Binnenperspektive der jugendlichen Experten das Phänomen ‚Jugendsprache‘ zu beleuchten, zum anderen wollten wir Schüler und Studenten1, Schule und Universität in einem konkreten Arbeitszusammenhang zusammenbringen und erproben, inwieweit Schüler in erste Formen des wissenschaftlichen Arbeitens integriert werden können. Daß Schüler und Studenten sich als Sprachforscher der ‚Jugendsprache‘ nähern und dies nicht den Linguisten überlassen, ist u. a. darin begründet, daß in der sog. Jugendsprachforschung die Erwachsenenperspektive auf sprachliche und kommunikative Phänomene gespiegelt und gegengespiegelt wird, weshalb wir zur Einordnung unseres Ansatzes zunächst einen kurzen (und kritischen) Abriß der Jugendsprachforschung geben wollen. In einem zweiten Schritt – der Beschreibung des Projektes – geht es um die Darstellung der pädagogischen Seite der Arbeit. Es sind zwei Aspekte, die wir in diesem Zusammenhang besonders gewichten wollen. Zum einen soll die Zusammenarbeit von Universität und Gymnasium am konkreten Beispiel vorgestellt werden und zum anderen ist am Beispiel des kleinen Forschungsvorhabens der besondere Reiz projektorientierten Arbeitens aufzuzeigen. Mit einem Überblick über die von den Schülern und Studenten verfaßten Buchbeiträge schließen wir unseren einleitenden Beitrag ab.

2 Jugendsprachforschung

In seinem Literaturbericht zur Jugendsprache2 unterscheidet Lapp (1989) fünf Phasen der Jugendsprachforschung:

  • die Vorläufer: Historische Studenten- und Schülersprache
  • die fünfziger Jahre: ,Halbstarken-Chinesisch’
  • die sechziger Jahre: ,Teenagerdeutsch’
  • die siebziger Jahre: ,APO-Sprache’, ,Szene-Sprache’ und ,Schülerdeutsch’
  • die achtziger Jahre: ,Die große Vielfalt’

Knapp zehn Jahre nach Erscheinen von Lapps Beitrag können wir die Chronologie fortsetzen:

  • die neunziger Jahre: ‚der Mythos von der Jugendsprache‘, ‚jugendliche Sprach- register und Sprachstile‘.

Es ist nicht Zufall, daß die eigentliche Jugendsprachforschung erst nach 1945 ansetzt, denn durch die anglophonen Einflüsse boomte in den fünfziger Jahren erstmals eine eigenständige Jugendkultur, die sich gegen die Werte und Normen etablierter Erwachsenenkulturen stellte. Schon damals wurde das ‚Gezappel‘ und die ‚Niggermusik‘ ebenso kritisiert wie die immer stärker zunehmenden Amerikanismen. Kein Film drückt das Lebengefühl der jugendlichen Subkultur der fünfziger und beginnenden sechziger Jahre besser aus als Die Halbstarken (1956) mit Horst Buchholz in der Hauptrolle. Seit dem Rock‘n Roll haben sich Jugendkulturen ihren Markt erobert und sind als Markt erkannt worden – seit dieser Zeit kann erst von einer Jugendsprachforschung gesprochen werden, die immer in sprach- und ideologiekritische Argumentationszusammenhänge eingebunden war. Zentraler Aspekt hierbei war und ist der immer wieder postulierte Sprachverfall durch die Jugend. Jugendsprache sei ein „Jargon einer bestimmten Sondergruppe", der den „größeren und wertvolleren Teil der Jugend erniedrigt und beleidigt", schreibt Küpper (1961: 188), der in seinem bekannten Wörterbuch der deutschen Umgangssprache (Küpper 1990) Lexikoneinträge eben dieses ‚Jargons‘ als „halbwüchsigensprachlich" markiert. Daß Jugendliche den Sprach- und Sittenverfall befördern – dies hat Tradition: Jugendsprachlicher Sprachgebrauch ist unter Umständen akzeptabel, aber „nur solange er sauber bleibt"; was „ich an der Jugendsprache hasse, das ist, wenn sie abgleitet in die Fäkaliensprache" (aus einem Lehrerinterview). Die Negativbilder werden noch verstärkt, wenn Wörterbücher erscheinen wie das von Schönfeld (1986), in dem „Jugend- und Knastsprache" in Zusammenhang gebracht wird, was „damit zu tun [hat], daß beide Gruppen am Rande der ‚normalen‘ Gesellschaft [stehen] … und ihre Randstellung auch in Worten, in einem anderen Sprachgebrauch, zum Ausdruck [bringen]" (Schönfeld 1986: 5). Wen wundert es dann, wenn Jugendliche und ihre Kulturen stigmatisiert und in die Sperrbezirke der ‚normalen‘ Gesellschaft verbannt werden?

Wenn Jugendliche als am Rande der Gesellschaft betrachtet werden, so ist es nur konsequent, ihre sprachlichen Ausdrucksformen als Sondersprache zu klassifizieren und die entsprechenden sondersprachlichen Merkmale zu suchen. Dies war die Forschungsstrategie über Jahrzehnte und hat sich im Sammeln von Wörtern niedergeschlagen. Zu welchen Abstrusitäten eine ideologisch voreingestellte Lexikographie führen kann, zeigt sich beispielhaft bei Stave (1964) zu Synonymen für Mädchen:

Unter den Synonymen für Mädchen (20 außer Zahn) gibt es einige fremdartig klingende Wörter, die etwas lümmelhaft Dumpfes an sich haben: Ische, Brieze, Irze, Mosse, Schramma, Kante, Brumme. Sollten diese Wörter tatsächlich in Umlauf sein (was wir bisher nicht mit Sicherheit feststellen konnten), so sind es treffend Metaphern für eine grobschlächtige Einstellung zum anderen Geschlecht, wie man sie den Halbstarken zutraut. (Stave 1964: 195)

Kein Hinweis darauf, daß Ische, Brieze und Brumme berlinische Wörter sind (vgl. Schlobinski 1993), daß Schramma möglicherweise eine r-vokalisierte maskuline Form von Schramme ist; keine Einbeziehung des Kontextes in die Bedeutungsanalyse, keine regionale und soziale Stratifizierung. Stattdessen: pauschalierte Stigmatisierung der Jugendlichen, deren „Halbstarkensprache (…) ruppig und pöbelhaft klingt" (Stave 1964: 196). Obwohl bereits Pape (1970) darauf hingewiesen hat, daß solche positivistisch orientierte Lexikographierungen „nicht als geeignetes Mittel zur Feststellung und Abgrenzung von Gruppensprachen angesehen werden [können], da sie die Pragmatik ausklammern" (Pape 1970: 370), hat sich die Forschung bis in die achtziger Jahre weiterhin auf die Lexik konzentriert, wenn auch die Jugend und ihre Sprache (Henne 1986) – so der Titel einer der prominentesten und empirisch fundierten Untersuchung zum Thema – differenzierter gesehen wurde.

Henne geht davon aus, daß Jugendsprache nicht eine homogene Varietät des Deutschen sei, sondern ein „spielerisches Sekundärgefüge", das folgende strukturelle Merkmale „favorisiert" (Henne 1986: 208f.):

(1) Grüße, Anreden und Partnerbezeichnungen (Tussi);
(2 griffige Namen und Sprüche (Mach’n Abgang);
(3 flotte Redensarten und stereotype Floskeln (Ganz cool bleiben);
(4) metaphorische, zumeist hyperbolische Sprechweisen (Obermacker = Direktor);
(5) Repliken mit Entzückungs- und Verdammungswörtern (saugeil);
(6) prosodische Sprachspielereien, Lautverkürzungen und Lautschwächungen sowie graphostilistische Mittel (wAhnsinnig);
(7) Lautwörterkommunikation (bäh, würg);
(8) Wortbildung: Neuwörter, Neubedeutung, Neubildung (ätzend, Macke); Worterweiterung: Präfix- und Suffixbildung, Kurzwörter (abfahren, Schleimi).

Die Gesamtheit dieser „Sprechformen" ergibt einen Sprachstil, den Henne sprachlichen „Jugendton" (ibid.) nennt. Wie kommt nun Henne zu solch einer „die jugendlichen Gruppenstile übergreifende[n] Spielart des Sprechens (und, weniger, des Schreibens)" (ibid., S. 211)? Im Zentrum der Untersuchung von Henne steht – neben der Auswertung einzelner Gruppeninterviews – die Auswertung einer schriftlichen Befragung von 536 Schülern und Jugendlichen in Braunschweig, Neuss, Mannheim und Melsungen. Bei der Datenerhebung verwendet Henne einen halboffenen Fragebogen, der an zehn Gymnasial-, vier Real-, vier Hauptschul- und eine Berufsschulklasse verteilt und in einer Unterrichtsstunde bearbeitet wurde. Neben biographischen, sozialen Daten und Fragen zu Musik und Literatur wurden siebzehn spezifische Fragen zur Jugendsprache gestellt (ibid., S. 66 f.), unter anderem:

(1) Mit welchen Worten ‚Deiner‘ Sprache bezeichnest Du eine Platte/Kassette, die Dir gefällt?(2) Wie drückst Du Deinen Ärger aus (wie fluchst Du)?
(3) Kennst Du Klangwörter (z. B. peng, ächz, lechz, usw.)?
(4) Welchen Namen gebt ihr anderen Schülern (Spitznamen)?
(5) Erkläre bitte (wenn Du kannst) die Bedeutung folgender Wörter: Tussi, …
(6) Kennst Du ‚jugendliche‘ Ausdrücke für jugendliche Kleidungsstücke?

Die gestellten Fragen lassen sich in vier Typen zusammenfassen. Im Fragetyp I (z. B. Frage 3) wird speziell die Kenntnis eines sprachlichen Phänomens erfragt, in Fragetyp II wird eine ‚Übersetzung‘ von der Jugendsprache in das Standarddeutsche (Frage 5) bzw. umgekehrt (Frage 6) gefordert. Typ III erfragt Bezeichnungen (Frage 1, 4) und im letzten Typ wird auf _ktive Situationen und sprachliche Formen abgehoben, die Schüler in diesen Situationen meinen zu gebrauchen (Frage 2). Die Auswertung des Fragebogens ergibt den oben de_nierten ‚Jugendton‘, der noch weiter nach regionalen und sozialen Faktoren differenziert wird. Während Januschek (1989: 138) die Validität der Ergebnisse schlechthin bezweifelt, zeigen Brandmeier/Wüller (1989) im einzelnen die Schwachpunkte der „Fragebogenjugendsprache" (Wachau 1990: 10) auf:

  • Die Sprechsprache „wird mit einem Fragebogen nicht oder nur indirekt erfaßt … Letztlich untersucht Henne nur Sprachwissensstrukturen" (Brandmeier und Wüller 1989: 149);
  • aufgrund der Tatsache, daß der Kontext nicht bekannt ist, ist ein Teil der sprachlichen Formen nicht interpretierbar oder wird falsch interpretiert (vgl. auch Neuland 1987: 60);
  • aufgrund der gewählten Herangehensweise fehlen Belege und deshalb weitgehend Analysen zu Diskurspartikeln wie z. B. ey;
  • die Untersuchung erhebt den Anspruch von Repräsentativität, ist es aber nicht.

 

Der zentrale Kritikpunkt aus linguistischer Perspektive ist der, daß Sprachwissen und nicht der Sprachgebrauch, ‚Fragebogenjugendsprache‘ mit Fokussierung auf die Lexik und nicht die tatsächlich gesprochene Sprache im sozialen und situativen Kontext Gegenstand der Untersuchung ist. Eine Neuorientierung der Jugendsprachforschung auf sozio- und pragmalinguistische Aspekte3 hin fand Ende der achtziger Jahre statt durch den programmatischen Artikel von Neuland (1987), die Arbeiten in dem Band von Januschek/Schlobinski (1989) sowie den Beitrag von Schwitalla (1988). Dies führte zu einem Paradigmenwechsel von der Lexikographie hin zur sogenannten Ethnographie des Sprechens (Hymes 1979). Das Interesse dieses Ansatzes gilt dem Sprechen in spezifischen Verhaltenskontexten. Gegenstand der Analyse sind konkrete Sprechereignisse und somit sprachliche Formen in Gebrauchskontexten. Dies bedeutet, daß man (mit anderen Methoden) erforschen muß, welche Sprachmuster in welchen gesellschaftlichen Kontexten, wann, wo und wie kommuniziert werden. Gegenstand der Analyse sind nicht mehr per Fragebogen erhobene Lexeme, sondern spezifische Sprachvarianten als Bausteine eines Sprachstils, die die funktionalen Sprachregister von einzelnen Jugendlichen und jugendlichen Gruppen konstituieren. Bei der Ausbildung von jugendlichen Sprachstilen, die Ausdruck des in den jugendlichen Gruppen, Szenen Geltenden sind und somit Rückschlüsse zulassen auf das, was in den einzelnen Gruppen und Szenen Geltung hat, ist ein wichtiges Prinzip das der Bricolage (Clark 1979). Hierunter ist zu verstehen, daß mit sprachlichen Versatzstücken aus unterschiedlichsten kulturellen Hintergründen etwas Eigenes, Neues ‚zusammengebastelt‘ wird, daß durch den Prozeß der De- und Rekontextualisierung eines (sprachlichen) Objektes ein neuer Diskurs entsteht und so jugendkulturelle Stile formiert werden. Während Schlobinski (1989) an einer Gruppe von Punks zeigt, wie diese durch unterschiedliche Techniken der Einblendungen kultureller Ressourcen in das Gruppengespräch einen Gruppenstil konstituieren, der ein erhebliches gemeinsam geteiltes Wissen voraussetzt und dessen sprachliche Stilmuster nach innen Anerkennung der Gruppenzugehörigkeit (Solidarität) markieren, nach außen indes Abgrenzung gegenüber anderen sozialen Gruppen (Distinktion), spiegeln sich die gesellschaftlichen Veränderungen in den neunziger Jahren insofern wider, als Sprachstile weniger Ausdruck subkultureller Gegenentwürfe, sondern vielmehr ‚gesampelter‘ Teilkulturen sind:

„Die jugendkulturellen Stile nehmen vielmehr schnellebige, diffuse eklektizistische und sehr flexible Formen an. Zudem verlieren sie manchmal ihre deutliche wechselseitige Abgrenzung." (Jugend ‘97, 1997: 21)

Die Entstehung spezifischer jugendkultureller Stile und somit auch von Sprachstilen beruht auf dem Zusammenwirken zweier Momente: dem Rückgriff auf spezifische kulturelle Ressourcen, die über einen nicht unwesentlichen Teil über die Medien vermittelt werden einerseits und der Schaffung neuer Zusammenhänge andererseits. Das Spiel mit den Versatzstücken der modernen Kommunikationsgesellschaft und der daraus resultierende Collagestil findet sich in der Sprache von Jugendlichen ebenso wie in der Musik, den Musikvideos, in Filmen, oder auch in der Mode. Auf der Textebene hat dies Androutsopoulos (1996, 1997a) anhand von Sprachmaterial aus Fanzines nachgewiesen, daß das intertextuelle Spielfeld der Jugendkultur:

„einerseits aus massenmedialen Ressourcen (Werbung und Konsumprodukte), andererseits aus jugendkulturspezifischen Ressourcen (Musik) [besteht]." (Androutsopoulos 1997b: 362)

In Beispielen wie „Die schwarz weißeste Versuchung seit es Ska mit lärmenden Gitarren und rauhem Gesang gibt." (ibid., S. 343), wird deutlich wie Medienwissen (Milka-Schokolade-Werbung) als Prätext syntaktisch übernommen und durch lexikalische Substitution und Extension modifiziert wird. Dieser sprachspielerische Umgang mit dem Medienwissen auf der Textebene hat seine Entsprechung in der gesprochenen Sprache, in der blitzartig Zitate und Fragmente aus verschiedenen Medienbereichen in die Kommunikation eingeblendet und modifiziert werden können:

Elisa: jetzt müssen wir aber
Mimie: die ganzen überraschungseier – ne
Elisa: die rußland für fürsorge machen fürbitte mein ich
Mimie: laß die menschen in rußland nich so hungern – und daß die auch mal zwischendurch eine schöne kleine kleinigkeit ((Kichern))
Elisa: UND SCHOKOLADE – UND WAS ZUM SPIELN – UND NE ÜBERRASCHUNG – eine kleinigkeit die –
Mimie: das nein
Elisa: kinderschokolade
Mimie: außerdem heißt es kinderüberraschung und nicht kinderschokolade
Elisa: aber da is kinderschokolade dran
Mimie: jaa
Elisa: da drum
Mimie: aber trotzdem s is kinderüberraschung
Elisa: weißt de was und das gibts trotz ostern – das ganze jahr über
Mimie: ja nich?
Elisa: poo
Mimie: ich hab das sogar zu weihnachten verschenkt ((Lachen))
Elisa: frohe ostern und weihnachten und neues jahr und …
Mimie: oh herr – nein
Elisa: nein herr – oh herr
Mimie: oh herr
Elisa: befreie uns von dieser schuld oder von dieser last – oh scheiße
Mimie: von welcher last
Elisa: von den fürbitten ey
(Aus: Schlobinski/Kohl/Ludewigt 1993: 118-119)

Das Medienwissen ist bei Jugendlichen so präsent, daß sie es jederzeit abrufen und in die Kommunikation (kreativ) einbringen können. Andererseits haben die Medien das jugendliche Käuferpotential erkannt und stellen ihrerseits ihre Werbung und Kommunikation auf das Zielpublikum ab. „Wir sind mehr als nur ein Fernsehsender, denn wir sind euer Sprachrohr. Wir sind euer Fernsehen, eure Sprache, eure Farben und vor allem eure Musik", so stellt sich der Musikkanal VIVA (1997) in einer Pressemappe vor. Bei Stefan Raab, Moderator und Berufsjugendlicher der Sendung VIVAsion, nach eigenem Bekunden die „Inkarnation der Selbstüberschätzung", hört sich dies so an:

ja (.) schönen guten abend herzlichen glückwunsch guten morgen gute nacht und auf wiedersehen bei viva

wir haben eine (äh) die sagen wir mal erste vom deutschen tierschutzbund lizenzierte kakerlakenseifenoper (.) unsere kleine kakifamily (.) heute wieder mit einer kleinen geschichte am unteren ende der humorskala

hier schreibt jemand (.) ganz groß hier zu lesen (.) mir wächst ein bart (ja) da würd ich sagen ist auf den ersten blick kein großes problem (.) ja äh (.) das kommt aber dann wenn man ein bißchen höher guckt (.) ja (.) der junge heißt christine und ist dreizehn jahre alt (.) was haben wir noch

Bricolage, Ironie und Selbstironisierung sind zentrale Praktiken, mit denen Jugendliche angesprochen und durch die medienspzifische Diskurse etabliert werden, die eine gemeinsame Schnittmenge mit Alltagsdiskursen von Jugendlichen herstellen (sollen).

Halten wir fest: Weniger konstitutiv für jugendliche Sprachstile sind einzelne ‚exotische‘ Lexeme wie das vielzitierte oberaffengeil (s. Ehmann 1996) als vielmehr die De- und Rekontextualisierung sprachlicher Einheiten, deren Variation auf der Folie kommunikativ-funktionaler Faktoren. Die kulturellen Ressourcen, aus denen Jugendliche schöpfen, entstammen in zunehmendem Maße den Medien, die die kommerzialisierten und lebensstilorientierten jugendlichen Gruppenstile bedienen. Jugendliches Spiel mit Sprache und Kommunikation hat gegenwärtig in der Regel weniger die Funktion, Protest auszudrücken, sondern ist Teil einer durch Medien geprägten Kultur des Spaßes und der Zerstreuung, der Anregung in der Gruppe, in der es um Vergnügen und gelegentlich um ‚den ‚Kick‘ geht.

Das Phänomen ‚Jugendsprache‘ wird seit Ende der achtziger Jahre als Ensemble jugendlicher Sprachregister und -stile begriffen, das sozial, kulturell und situativ verortet ist. Folglich haben Sprachwissenschaftler in den neunziger Jahren jugendlichen Sprechern und Schreibern ‚auf’s Maul geschaut‘ bzw. ihre Schreibpraxen untersucht, hier sind im deutschsprachigen Raum besonders die ausgezeichneten Arbeiten von Androutsopoulos (1996) und Augenstein (1998) hervorzuheben. Jugendliche werden dabei als „Kulturexperten in der Thematisierung von Jugendkultur" (Androutsopoulos 1997b: 12) betrachtet. Die Jugendlichen selbst kommen allerdings nur – und dies gilt für alle bisherigen Forschungsarbeiten – über ihre Produkte (Plattenkritiken oder Verschriftung von Sprechereignissen) oder Interviews (primär zu Spracheinstellungen) zu Wort. Die Produzenten nicht von ihren Produkten und dem, was sie für wichtig halten, zu trennen, sondern aktiv in die Untersuchung von ‚jugendsprachlichen‘ Phänomenen einzubeziehen – dies war der Versuch in unserem Projekt mit Schülern und Studenten.

3 Projektbeschreibung

Ausgehend von der Kritik an der traditionellen Jugendsprachforschung und vom Paradigmenwechsel der neunziger Jahren wollten wir in unserem Projekt eine Erweiterung der ethnographischen Perspektive insofern vornehmen, als der Untersuchungsgegenstand aus der Binnenperspektive von Jugendlichen zum Gegenstand der Analyse gemacht werden sollte und nicht mehr allein aus der Außenperspektive der Professionellen, der Linguisten.

Darüber hinaus waren es jedoch zwei weitere Grundanliegen, die die Form dieses Projektes bestimmten. Bildungspolitisch ging es uns um den Versuch, Schule und Universität wechselseitig aufeinander zu beziehen. Am konkreten Forschungsvorhaben sollten die Schüler in wissenschaftliche Arbeitsformen eingeführt werden. Gleichzeitig bot sich den Studenten – es handelte sich ausschließlich um Studenten des Lehramts – die Möglichkeit, die Schule über einen längeren Zeitraum hinweg aus der Perspektive ihres Studiums heraus wahrzunehmen. Pädagogisch war es uns ein zentrales Anliegen, die Form des projektorientierten Arbeitens im Raum von Schule und Universität zu erproben4. Wir wollten die Effizienz eigenständigen Arbeitens prüfen und gleichzeitig herausfinden, inwieweit durch die gewählte Arbeitsform die Teamfähigkeit von Schülern und Studenten geschult wird. Uns selbst war daran gelegen zu entdecken, welche Funktion als Lehrende uns im Rahmen des projektorientierten Vorgehens zufiel.

Das Projekt war über einen Zeitraum von zwei Jahren angelegt. In den ersten Überlegungen zur Konzeption unseres Vorhabens erschien uns darin ein nicht geringes Wagnis zu liegen, denn sich über einen solch langen Zeitrahmen festzulegen, ist insbesondere für Schüler, aber auch für Studenten ungewöhnlich. Zumal, wenn man bedenkt, welch zusätzlichen Zeitaufwand das Projekt für die Beteiligten bedeutete.

Allerdings zeigten schon die ersten Anfragen bei einzelnen Schülern ein hohes Maß an Interesse. In diesem Zusammenhang wurden von den Schülern unterschiedliche Gründe genannt:

  • die Zusammenarbeit mit den Studenten der Universität;
  • der Reiz des Themas, dabei wurde besonders die Nähe zur eigenen Lebenswelt hervorgehoben;
  • der Projektcharakter;
  • mögliche Publikation der Arbeiten in Buchform.

 

In etwa die gleichen Gesichtspunkte wurden auch von den Studenten benannt. Von ihnen wurde darüber hinaus der bewußt eingebrachte Praxisbezug des Seminars hervorgehoben. Zusätzlich bestand ein starker Reiz darin, an einem konkreten Buchprojekt mitzuarbeiten.

Durch diese positive Resonanz bestärkt, wurde im August 1996 am Ratsgymnasium in Osnabrück ein Projektkurs zum Thema „Jugendliche und ‚ihre‘ Sprache" angeboten. Die Teilnahme an diesem Projekt erfolgte entweder auf Grund der Einladung durch den Lehrer oder durch die beteiligten Schüler, indem sie interessierte Mitschüler ansprachen. Da das Projekt langfristig auf ca. zwei Jahre angelegt war, war der Teilnehmerkreis auf Schüler der Jahrgangsstufe 11 und 12 begrenzt. Die Teilnahme erfolgte freiwillig, so daß die Teilnahme für die beteiligten Schüler zusätzlich zum ‚normalen‘ Unterrichtspensum abzuleisten war und allein als Projektkurs im Abiturzeugnis vermerkt wird. Erleichtert wurde das Zustandekommen des Projektkurses dadurch, daß es am Ratsgymnasium ein vielfältiges außerunterrichtliches Angebot gibt und daß die Teilnahme an solchen Angeboten der Schule für eine größere Zahl von Schülern durchaus selbstverständlich ist.

Die Untersuchungsgegenstände sollten im Projektkurs durch die beteiligten Schüler festgelegt werden. Daher wurde es vermieden, die Untersuchungsgegenstände vorab zu definieren und festzulegen, vielmehr sollten die Fragestellungen von den Schülern und ihren Interessen her entwickelt werden. Dieses Vorgehen entsprach sowohl dem sprachwissenschaftlichen wie dem pädagogischen Ansatz.

Für die konkrete Arbeit war es uns wichtig, daß die Themen aus der Erfahrungswelt der Schüler und ihrer unmittelbaren sozialen Umgebung entwickelt und empirisch bearbeitet wurden.

Folgende Themenbereiche wurden in der gemeinsamen Diskussion mit den Schülern entwickelt:

  • Gestaltete Sprache in der Musik – Musikgruppen aus dem Umfeld des Ratsgymnasiums
  • Sprache von Jugendlichen in selbstgestalteten Radiosendungen unter dem Gesichtspunkt von Ironie und Sprachspiel
  • Graffiti im und aus dem Umfeld des Ratsgymnasiums als Ausdruck jugendlicher Lebenswelt
  • Die Integration jugendlicher Sprach- und Ausdrucksformen in das Leben der Kirche
  • Jugendliche als Zielgruppe der politischen und kommerziellen Werbung

 

Bereits in der Phase der Themenfindung hatte sich gezeigt, daß sich die Eingangshypothese, bei der Lebenswelt der Schüler zu beginnen, bewährt hatte. Es stellte sich schnell heraus, daß die am Projekt beteiligten Schüler je besondere Zugangsweisen zu den einzelnen Themen hatten.

Ausgeprägt war das Interesse an den Musikgruppen aus dem Umfeld des Ratsgymnasiums. Musikgruppen und ihre Stilrichtungen wurden benannt und Zugangsmöglichkeiten zum Gegenstandsbereich thematisiert. Eine Schülerin wußte, daß Schüler Radiopersiflagen für den Freundeskreis produzierten. In Rücksprache mit diesen Schülern sollten solche Radiosendungen beschafft und analysiert werden. Offenkundig war auch das besondere Interesse an den Graffiti. Zugangsmöglichkeiten zu diesem Bereich jugendlicher Lebenskultur gab es, so stellten die Schüler dar, über die im Ratsgymnasium zu findenden Graffiti, aber auch über die Graffitikünstler selbst. Das Verhältnis von Kirche und Jugend war ein weiterer Bereich, zu dem am Projekt beteiligte Schüler in besonderer Weise Zugang hatten. Das eigene Engagement in der kirchlichen Jugendarbeit eröffnete Möglichkeiten, entsprechendes Material zu entdecken. Daß Jugendliche in besonderer Weise zum Objekt der Werbung werden, drängte sich im August 1996 in besonderer Weise unter dem Aspekt des kommunalen Wahlkampfs in Osnabrück auf. In einer Vielzahl von Plakataktionen wurde insbesondere das jugendliche Zielpublikum angesprochen.

Zum Wintersemester 1996/97 wurde an der Universität Osnabrück ein Hauptseminar zum gleichen Thema angeboten. Nachdem sich das Seminar an der Universität konstituiert hatte, wurde im Herbst 1996 eine erste gemeinsame Sitzung von Schülern und Studenten veranstaltet. Ziel war es, die Studenten in das Projekt zu integrieren und Arbeitsgruppen zu etablieren, in denen jeweils Studenten und Schüler gemeinsam an einem Themenbereich arbeiten sollten. Die Bildung dieser Arbeitsgruppen gelang entgegen unserer Erwartung problemlos, und Schüler und Studenten fanden sich zu den jeweiligen Themenbereichen zu Arbeitsgruppen zusammen. Zusätzlich zu den bereits genannten Arbeitsbereichen wurde ein weiteres Thema erarbeitet und benannt, nämlich „Spracheinstellungen von Jugendlichen gegenüber ihrer Sprache".

Verschiedene Arbeitsformen wurden diskutiert. Möglich schienen getrennte Sitzungen von Schülern und Studenten mit einzelnen gemeinsamen Sitzungen. Letztendlich entschieden sich die Projektteilnehmer für eine eigenständige Arbeit in den einzelnen Arbeitsgruppen und für die Durchführung einzelner Blocktage an Samstagen. An diesen Tagen sollten Projektergebnisse vorgestellt und diskutiert sowie Dinge besprochen werden, die das Gesamtprojekt betrafen. Als Tagungsstätte wurde die Evangelische Studierendengemeinde in Osnabrück gewählt, die dankenswerter Weise ihre Räumlichkeiten für unser Forschungsunternehmen zur Verfügung stellte. Hier fanden wir Örtlichkeiten vor, die die Durchführung solcher Tagesseminare ermöglichten.

In einem ersten Schritt sollte das Material gesammelt und aufbereitet werden. Diese Aufgabe fiel im wesentlichen den einzelnen Arbeitsgruppen zu. Gemeinsame Treffen wurden in dieser Phase notwendig, um die in diesem Zusammenhang auftauchenden Probleme zu besprechen:

  • Wie bereite ich Material sachgerecht auf?
  • Wie gelingt es, das entsprechende Material zu beschaffen?
  • Inwiefern gibt es Probleme, die alle Arbeitsgruppen betreffen?
  • Welches Material ist sinnvoll zu ergänzen?
  • Wo tauchten bei der Materialbeschaffung überraschend Probleme auf und welche Lösungsmöglichkeiten wären denkbar?

 

Zum Abschluß dieser Phase wurde das Material, das zusammengetragen worden war, im Plenum vorgestellt. Zudem erhielt jede Arbeitsgruppe einen Reader mit zentralen Beiträgen zum Thema ‚Jugendsprache‘.

In der zweiten Arbeitsphase wurden vor dem Hintergrund des zusammengetragenen Materials Konzepte zur Analyse dieses Materials erarbeitet. Jede Arbeitsgruppe erhielt den Auftrag, an einem ausgewählten Beispiel eine modellhafte Analyse zu versuchen und sie im Plenum vorzustellen. Zur Vorbereitung auf die Sitzungen im Plenum sollten die Analysen jeweils allen Teilnehmern schriftlich vorgelegt werden.

Schon in dieser Phase wurde im Hinblick auf die Publikation der Ergebnisse des Forschungsprojektes an der möglichen Form der einzelnen Artikel gearbeitet.

Folgender Dreischritt sollte nach Möglichkeit eingehalten werden:

  • Sampling und Beschreibung der Produkte (z. B. Texte und Musik dreier Musikgruppen aus dem Umfeld des Ratsgymnasiums);
  • Informationen bzgl. der Produzenten (z. B. Interviews mit den Gruppenmitgliedern über ihre Musik);
  • Informationen bzgl. der Rezipienten (z. B. Befragung einzelner Hörer der Musik).

 

Aus diesem Vorgehen ergab sich die dritte Arbeitsphase. Ergänzendes Material war zu beschaffen und aufzubereiten. Verabredet wurde jetzt die Erstellung von Rohentwürfen der einzelnen Artikel. Zum Abschluß dieser Phase, die von den einzelnen Gruppen als sehr arbeitsintensiv wahrgenommen wurde, fand ein Wochenendseminar in der Nähe Osnabrücks in einem Tagungshaus statt. (Die Durchführung des Wochendendseminars wurde uns durch die finanzielle Unterstüzung der Hanns-Lilje-Stiftung ermöglicht, die auch Sachmittel für Kopien etc. bereitstellte – alle Teilnehmer des Projekts danken an dieser Stelle der Hanns-Lilje-Stiftung.) Diese Phase mit einem Wochenende abzuschließen, erschien sinnvoll, um ohne zeitliche Beschränkung jeden einzelnen Beitrag entsprechend ausführlich im Plenum besprechen zu können. Die Rückmeldungen aus dem Plenum sollten die Stärken der einzelnen Beiträge verdeutlichen, sie sollten aber auch Probleme aufzeigen, die es in der abschließenden Phase noch zu bearbeiten galt.

Darüber hinaus erwies sich das im Sommer 1997 durchgeführte Wochenende für die einzelnen Arbeitsgruppen als sinnvoll. Die Koordination der Arbeit in den einzelnen Gruppen konnte überprüft und Arbeitsaufträge im Team durchgesprochen und verteilt werden. Von den Projektteilnehmern wurde dieses Wochenende als ein wesentlicher Konzentrationspunkt innerhalb des gesamten Projekts erlebt. Verabredet wurde auf diesem Wochenende ein Zeitplan für die Erstellung der Beiträge, deren endgültige Fassung jeder Arbeitsgruppe zugestellt werden sollte. Zwei Plenumssitzungen waren vorgesehen, um die verschiedenen Beiträge ein letztes Mal zu besprechen. Die Erstellung der Beiträge wurden durch die Projektleiter kritisch begleitet, ohne dabei den Artikeln, ‚ihren Stempel aufzudrücken‘. Die Druckvorlage wurde schließlich mit QuarkXpress erstellt, wofür wir Jan Berns danken.

4 Beiträge

Die vorliegenden Beiträge sind mehrfach diskutiert und überarbeitet worden, bis sie in der jetzigen Form vorliegen. Trotzdem haben wir als Herausgeber versucht, den Beiträgen nicht unseren Stil, unsere Sicht aufzuzwängen, sondern vielmehr ihre Authentizität zu bewahren. Entsprechend heterogen geschrieben sind die Artikel, verschieden die Perspektiven und Vorannahmen, unterschiedlich das wissenschaftliche Niveau. Natürlich haben die Beiträge nicht den Stand eines fachwissenschaftlichen Artikels wie der eines frisch Promovierten (wie z. B. die ausgezeichneten Beiträge von Androutsopoulos) oder gar eines Professors (wie der programmatische Aufsatz von Neuland 1987), reflektieren nicht Forschungsergebnisse, wie sie im Rahmen eines Dissertationsvorhabens oder DFG-Projektes zu erwarten sind. Ungeachtet dessen sind wir doch erstaunt und begeistert, wie engagiert die Schüler und Lehramtsstudenten gearbeitet haben, was an empirischem Arbeiten geleistet wurde und auf welch relativ hohem Niveau die Analysen gefertigt und die Beiträge geschrieben wurden.

In dem ersten Beitrag geht es um ein Thema, das in der Neuen Osnabrücker Zeitung heiß diskutiert wurde und wird, nämlich um Graffiti. Marina Schmiedel, Christine Förster, Wiebke Thöle und Maria Nelkowski untersuchen Graffiti und Sprüche an den Klowänden des Ratsgymnasiums Osnabrück, zahlreiche Graffiti an Häuserwänden in Osnabrück sowie die Blackbooks von Sprayern. Für die weiterführende Analyse wurden Interviews mit Sprayern (Toys, Kings), mit zwei Kommissaren der Sonderkommission ‚Graffiti‘, mit betroffenen Hausbesitzern, mit einem Kunstexperten des Konservatoriums und mit Schülern durchgeführt. Die Analysen zeigen, in welchem gesellschaftlichen Spannungsfeld Graffiti stehen und welche Ausdrucksweisen Jugendliche damit verbinden. Die fotographierten Graffiti finden sich in der GraffitiGalerie.

Die Texte und Musik von Musikgruppen des Ratsgymnasiums stehen im Zentrum der Untersuchung von Oliver Feser, Diana Hillebrand, Christian Macke und Andrej Schlobinski. Bei den Musikgruppen handelt sich um die beiden HipHop-Projekte5 Takasha und Midnite Sonz, um die Gothic-Metal-Band Nekros sowie die Independent-Group Lithium. Neben einzelnen deutschen und/oder englischen Texten und Kompositionen, deren Analyse auf der Folie der übergeordneten anglophonen Musikkultur zu sehen ist, werden Interviews mit den Gruppenmitgliedern bezüglich ihrer Musik, ihrer Intentionen, ihrer Lebensphilosophien etc. untersucht sowie Interviews mit Fans. Die in der Analyse zentralen Stücke sind als Tondateien im Internet in der MusicHall zu finden. Besonders interessant ist die Analyse jener Stücke, die das Thema ‚Gewalt‘ zum Gegenstand haben, ein Thema, das in der jugendsoziologischen und sozialpädagogischen Forschung aktuell ist (vgl. Schad 1996).

Der Beitrag von Andreas Gelke und Friederike Neuffer knüpft an pragmalinguistische, genauer: diskursanalytische, Untersuchungen an und entwickelt diese weiter. Gegenstand der Analyse sind Medienspiegelungen von Jugendlichen in Form von fiktiven Radioparodien im Kontrast zu entsprechenden realen Rundfunksendungen. Ferner werden zur Analyse Interviews mit den Produzenten und eine Befragung von Schülern des Ratsgymnasiums bezüglich der Wirkung der Parodien herangezogen. Neben der sorgfältigen Detailanalyse zeichnet sich dieser Beitrag dadurch aus, daß an die neuere Literatur zur Ironieforschung angeknüpft und partiell über diese hinausgegangen wird, so daß auch unter theoretischen Aspekten neue Erkenntnisse gewonnen werden.

Das Verhältnis von Jugendlichen zur Kirche wird im Beitrag von Sebastian Blohm, Anja Huesmann und Katja Wallenhorst thematisiert. Vermittels der Analyse zweier Jugendgottesdienste und einer Liturgischen Nacht wird der Frage nachgegangen, ob Jugendliche durch neue Formen kirchlicher Kommunikation in das kirchliche Leben integriert werden oder ob weiterhin Kommunikationsbarrieren bestehen bleiben.

Das Interesse der Werbung an Jugendlichen ist Gegenstand des Beitrages von Julia Anthonsen, Mirja Gottschlich, Torben Kiel und Robert Michel. Hierfür haben die AutorInnen Plakate der politischen Werbung und kommerzielle Werbeanzeigen, die sich an Jugendliche richten, hinsichtlich sprachlicher und gestalterischer Aspekte untersucht, Interviews in Werbeagenturen durchgeführt und Jugendliche befragt. Fragebogen und Werbebeispiele finden sich hier als PDF-Downloads.

In dem Beitrag zu Spracheinstellungen und Sprachbewertungen untersucht Ines Sasse auf der Grundlage einer Fragebogenerhebung am Ratsgymnasium, welche Kategorisierungen Schüler mit ‚ihrer Sprache‘ verbinden und welche Konnotationen sich ergeben.

5 Anmerkungen

1. Von den Leserinnen hoffen wir, daß sie sich bei der generischen Verwendung von Personenbezeichnungen mitgemeint wissen.

2. Bibliographische Angaben zum Thema ‚Jugendsprache‘ finden sich in Neuland (in Druck). Einen integrativen Überblick über den Forschungsstand gibt Androutsopoulos (1998).

3. Bereits Pape schrieb in ihrem kritischen Artikel zur sogenannten Teenager- und Twensprache: „Wo die sozio- und pragmalinguistische Perspektive fehlt, kommt es zu Fehlurteilen über Sprache und Sprecher" (Pape 1970: 369).

4. Nach einer repräsentativen Befragung des Instituts für Schulentwicklungsforschung (Kanders/Rösner/Rolff 1996) gaben 41% der Lehrer an, daß selbständiges Arbeiten oder eigene Untersuchungen der Schüler in ihrem Unterricht nicht oder ganz selten eine Rolle spielen. Andererseits sehen 63% als Idealbild ihres Unterrichts Gruppenarbeit, selbständiges Arbeiten sowie die Durchführung von eigenen Untersuchungen seitens der Schüler.

5. Der Terminus Projekt folgt der Eigendefinition der beiden HipHop-Gruppen.

6 Literatur

 

  • Androutsopoulos, Jannis K. (1996). Jugendsprache und Textsorten der Jugendkultur. Untersuchungen zu Strukturen und Funktionen deutscher Jugendsprache und zur Gebrauchstextsorte ‚Plattenkritik‘ in Fanzines. Dissertation an der Universität Heidelberg.
  • __. (1997a). „Intertextualität in jugendkulturellen Textsorten." In: Textbeziehungen. Linguistische und literaturwissenschaftliche Beiträge zur Intertextualität. Hrsg. von Josef Klein und Ulla Fix, Tübingen, S. 339-372.
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